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HOCHDRUCK/dreharbeiten
Kathrin Röggla


1. märkischer sand


, grün angerissene wiesen daneben, die hier als beispiel für figuren dienen sollen, die landschaft aber weiß von nichts, doch kurz angesprochen, wird sie schon rasch nachgeben. wie immer der horizont zuerst

ganz auf sparflamme der rest der gegend, nur das grinsen der bäume hier hält unverhältnismäßig lange an, und auch die flugzeuge darüber, wie sie die luft zerteilen in gut und böse, penible zeitzeugen, die im grunde nichts als ihre ruhe haben wollen, die im grunde nichts ändern an der tatsache

auch sind die büsche hier keine idioten, sie bleiben, wo sie sind, und doch rücken sie in gefährliche nähe zur luftlinie, wo es aber ums weiterkommen geht, besteht kein grund zum zögern, besteht kein grund — auch sind die büsche keine idioten und zögern nicht, das alles zu unterschreiben, man kann ihnen ja nichts so leicht nachsagen, aber —

der horizont war wohl zu verwickelt fürs geschehen, so hat man ihn gleich aus dem verkehr gezogen, auch das wetter wurde hochkant rausgeworfen, und bald folgt noch der ganze himmel nach — von freier fläche aber ist nicht viel zu spüren, alleine die luft fährt jeden augenblick fort, alleine die luft

und mischt sicher bald die sonne wieder mit, noch immer ist sie uns um längen voraus, doch selbst wir sind aus dem klebstoffalter längst heraußen, der einstieg in die nahrungskette fiel ja nicht weiter ins gewicht, trotzdem ist er mitzuzählen

 



2. niederschöneweide


ja, der weg zum begossenen pudel ist heutzutage nicht mehr weit, er wird auch immer durchgehalten im dichter werdenden verkehr gegen 17 uhr sind die wohnungen selbst hier nicht von der hand zu weisen, doch tut man nichts anderes —

da gilt es, die häuserzeilen schneller zu stellen, denn aus häusern werden schließlich menschen und aus menschen das vorübergehen, doch ist hier kein richtungswechsel hinsichtlich der häuser möglich, die sind in ihren fenstern nicht verschwunden, eher schon im lauf der zeit —

ist der nachmittag kein rechtes zugpferd mehr, ist eben auf sand gesetzt, die landschaft, bricht nicht gerade in bestzeiten auf, ist eben auf sand gesetzt, sagt man, selbst botenstoffe bleiben stehen in der luft geht nichts weiter, was die übertragungsrate betrifft, sagt man: plattenbau, wo sonst nichts wächst.

dabei ist hier längst westen, und bushaltestelle um bushaltestelle der privatblick der menschen geht auf nummer sicher, im prinzip die ganze laufkundschaft, die die gegend hergibt, oder doch osten, wo sich so manches zweiteilt, wo im kreuzworträtsel steckenbleibt der rest —

jedenfalls materialermüdung durch und durch, überall bleibt etwas kleben, hörreste, sehreste, man man muß eben zusehen, daß man weiterkommt, man muß zusehen, daß man fortfährt,

denn jetzt ist glatt eine fensterscheibe zerbrochen wie ein mensch, und wird stolpern drüber das gras in jahreszeiten, der rest der pflanzen aber hat alle hände voll zu tun, oder wird man wieder beobachten können wie gänseblümchen aus der haut fahren, oder wird man

 



3. AEG: schnellerstraße — adlergestell


, nur einen steinwurf davon entfernt schon das kaufhaus zögert nicht, einen schritt weiterzugehen, kleine gesten auch von seiten des parkhauses, das macht stufenlos liebe mit der welt und läßt nichts übrig für den rest der gegend, "doch man ist ja kein sportplatz, der still stehen bleibt, wenn es nottut."
"aus nichts kommt aber nichts", nur der himmel im blindflug, und wie 1 schlaftablette verhält sich der mensch zur landschaft, das hat man schon oft feststellen können: für die talfahrt der gegend verantwortlich, ist von dieser seite nichts zu erhoffen, da wäre so mancher zebrastreifen beim namen zu nennen!
doch so leicht rutscht die sonne schon nicht aus, nein, nein, nur der lange samstag fickt sich ins knie, telefonzellen nehmen dabei langsam aber sicher überhand, auch nichts zu machen gegen die glasscheiben, die setzen an, wo sie nur können, sie setzen durch

ja, glasscheiben setzen langsam flächen durch, und schon haben sie es beisammen, das schlüsselkind, das die straße hochgeht in erwartung von fotografie und verbrechen. es hält das hier für eine anstalt, die man überwinden kann mit hocherhobenen händen kommt es jetzt wieder heraus aus dem gebäude, doch noch immer niemand da, der sich einmischt, im gegenteil: vor ihm die straße: kinder spielen eisenbahn, kann es sonst immer sehen, kinder spielen atombombe, sieht es dann, kinder spielen minutendickes schweigen, doch heute alles nicht.
so wird es eben wieder zum zwerg, wie oft muß man den falten, um auf den punkt zu kommen, wie oft kann man den zweiteilen, bis nichts mehr geht, bis nichts mehr herauskommt —

doch ganz kapsel ist der mensch, nicht eingerichtet für die durchfahrt, nicht eingerichtet für zusammenfallen auf einen fleck, mehr so zur ständigen ausdehnung berufen, bleibt also nur noch die fallrichtung: von unten fällt man beispielsweise nicht, man spaltet sich, pflanzen schießen durch einen durch (homo clausus), von oben kommt der himmel auf einen zu, schon wächst er zusammen, es bleiben kaum noch löcher zum atmen, kaum schlupflöcher,

bemerkt es, duckt sich,
schießt durch

doch auch mit luftlinien ist nicht viel auszurichten, stellt es fest, starrt dann entgeistert auf die uhr und entnimmt ihr die zeit, genauso machen es die glasscheiben und fallen um, rohes fleisch im kopf haben die kinder, nichts anderes mehr, aber was lebt, trägt eben dick auf, und danach? bleibt ein rest vervielfachung?
man geht aber anderen fragen nach, die frage nach (luft in verkehrsampeln, bleibt luft, dicke luft?)

 



4. plänterwald — dammweg


danach direkttiere von links nach rechts tauchen auf, gehen rasch vorüber, das ist die dämmerung, hustling around, "das sind wir" — "aber nein!"
"ja, ja, immer hübsch auf die seite gedrängt." — "psssssssst!" schwillt alles an, geht vorüber
und wie einem das gesicht wird zum gewicht und die mitte sieht man nicht: "die mitte trifft man nie bei den tieren, das geht immer daneben" peinliche stille kann unter ihnen jedenfalls nicht so schnell entstehen, sie stehen nicht so herum, sie gehen immer weiter, sie sind angestellt bei sich selbst. "nur bei uns braucht das training"

und nachher: bleibt es dabei, optisch wie immer, privatgrün, stellenweise garageneinfahrten, nicht nachzuahmen, vatertag! und wir: gelber blühen, das muß doch zu schaffen sein. "schnell, bevor der regen?" — "aber hallo!" selber blühen: tiere im teppich gesehen, musterbeispiele. mikrokosmos, "sternhagelvoll." — "muß doch zu schaffen sein."

und schon wird alles übrige zur nächstenähe, verletzt die übersicht, aber gibt anlaß zur hoffnung, schließlich fühlt man sich im taschenrechner nicht gerade zuhause, so lebt jeder in seinem tier, nicht schwindelfrei ist man dabei. eine bodenlänge hat aber schnell alles erreicht, schlußendlich die sonne, sickert durch in kleinen schüben,
                                     und wie immer der horizont
hat zwei seiten, schleift sich zuletzt ein, "na also", hat durchschlagende wirkung gehabt, "na also."

 



5. resterampe


hat jetzt das wohnzimmer drastisch zugenommen wie nichts sonst in diesen tagen nimmt alles vorhangstellung ein, dazu kaffee gereicht, als ob er noch stürmen könnte, "total in sich verdrehte wellensittiche schon gesehen, blutjunge!"
doch niemand will was wissen, aber das ist die dicke luft, an die hält man sich seit geraumer zeit, arbeitsam nennt man das hier: doch was man tagaus tagein für einen bürotisch gehalten, stellte sich nachher als keiner heraus, auch jetzt hat sie wieder einmal das kleingedruckte vor augen: wie hat man das bloß übersehen können?

plötzlich kaltgestellt in einer gegenwart bleibt auch er eine weile sitzen mit so einem radiogedanke aus dem nebenzimmer: "niemand steckt in seinem taschentuch auf dauer, niemand geht so leicht beim zähneputzen verloren" — "bei mir kommt auch ganz schön viel raus, was knochenarbeit betrifft", flüstert er die antwort, denn eine kontonummer geht nie gut aus hierzulande, wurde er eben informiert.

nur das abenteuer forschung hält den daumen raus, will weiterfahren, will weiter. das sind hier die kinder am klo: wippen mit, wippen bei allem mit, was ihnen nahekommt. aber noch immer kein hochgebirge in sicht, "das machen wir schon", glatzen auf den augen entstehen schnell, nur nicht hudeln, sagt er, immer schön langsam —

im grunde aber hat sich das hochdruckgebiet längst verschoben, hat sich verschoben das bundesgebiet ist jetzt wieder frei, wird behauptet, ist jetzt mit allem zu rechnen in der größenordnung einer himmelsrichtung, "darunter fangen wir nicht an!"



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